Der sonderbare Fall der Simran Sodhi

Die Inderin Simran Sodhi studierte in Berlin, heute steht sie als Integrationslotsin Asylbewerbern zur Seite, hilft ihnen bei der Bürokratie und den Problemen des Alltags. Nun braucht sie selbst Hilfe: Die Ausländerbehörde will sie abschieben. Man sieht kein öffentliches Interesse am öffentlich finanzierten Projekt.

 

Titelfoto von Juliane Henrich
Text von Markus Huth
für Spiegel Online.

 

Man könnte die Geschichte von Simran Sodhi als Beispiel einer gelungenen Integration lesen: Die Inderin kam vor fünf Jahren nach Berlin, studierte Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität, machte ihren Master. Und nach dem Studium gelang ihr etwas, das für Geisteswissenschaftler nicht selbstverständlich ist: Sie bekam einen Job. Im Januar begann die 27-Jährige, für den Bezirk Treptow-Köpenick als Integrationshelferin zu arbeiten.Rund 60 solcher Lotsen gibt es in Berlin.

Die Idee des mit Landesmitteln finanzierten Projekts: Migranten sollen anderen Zugezogenen bei Behördengängen, Sprachproblemen und anderen schwierigen Situationen im Alltag unterstützen. Sodhi ist die einzige Lotsin in Treptow-Köpenick, wo gerade neue Asylbewerberheime für Menschen aus Krisengebieten entstehen. Insgesamt leben in dem Bezirk rund 600 Flüchtlinge.

Sodhi betreut unter anderem Menschen, die vor dem Krieg aus Syrien geflohen sind.Sodhi ist ein Glücksgriff für den Bezirk. Sie spricht neben Hindi und Urdu auch fließend Deutsch und Englisch und hat bereits Selbsthilfegruppen für Menschen mit Rassismus- und Diskriminierungserfahrung organisiert. Das ist der erste Teil der Geschichte.

Sodhis Widerspruch

Der zweite macht aus der Erfolgsgeschichte einen Problemfall. Die Berliner Ausländerbehörde verweigert Sodhi die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung. Sie soll das Land bis zum 31. Mai verlassen. Der Grund: Nach Auffassung der Behörde verdient sie mit ihrem Job zu wenig und sei als Akademikerin „überqualifiziert“.

Laut dem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, rechtfertige diese Beschäftigung nach Gesetzeslage keine Arbeitserlaubnis und damit keine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung.Das Geld für das Lotsen-Programm stammt vom Berliner Senat. Angestellt sind die Lotsen bei freien Trägern, Sodhi beim Verein „offensiv’91“. Dort erhält sie für ihre 70-Prozent-Stelle die zweitniedrigste Lohnstufe des Tarifs im Öffentlichen Dienst: rund 1230 Euro brutto im Monat.

Die Beamten der Ausländerbehörde argumentieren, dass für diese Tätigkeit kein Studienabschluss nötig sei. Jetzt ist die 18-monatige Frist abgelaufen, in der Sodhi nach ihrem Studium einen „angemessenen Arbeitsplatz“ hätte finden müssen.Was Sodhis Unterstützer besonders empört: Es gäbe durchaus eine Möglichkeit, von der drohenden Abschiebung abzusehen, selbst wenn man Sodhi für überqualifiziert hält. Dann nämlich, wenn die Behörde in der Beschäftigung ein „öffentliches Interesse“ sähe.

Mit dieser Begründung legte Sodhi auch Widerspruch gegen die Entscheidung ein. Die amtierende Bürgermeisterin von Treptow-Köpenick, Ines Feierabend (Linke), und der stellvertretende Integrationsbeauftragte beim Senat, Andreas Germershausen, setzten sich für sie ein.

Freunde und Kollegen von Sodhi haben eine Online-Petition gestartet. Den Apell haben mittlerweile mehr als 23.000 Menschen unterzeichnet. „Wir sind überzeugt, dass ein großes öffentliches Interesse an Simrans Arbeit als Integrationslotsin besteht und dass ihr Weggang eine große Lücke in der Berliner Zivilgesellschaft hinterlassen würde“, sagte eine Organisatorin.Doch die Ausländerbehörde bleibt hart, ein öffentliches Interesse an der Tätigkeit einer Integrationslotsin sieht man offenbar nicht. Am 5. Mai lehnten die Beamten den Widerspruch endgültig ab.

„Das falsche Signal“

Sodhi, die fest mit einer Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung gerechnet hatte, ist fassungslos. „Mein Leben ist in Berlin, so viele Leute im Bezirk brauchen meine Hilfe“, sagt sie. Auch ihre Chefin bei „offensiv’91“ zeigte sich schockiert. „Wir waren froh, eine derart qualifizierte Fachkraft gefunden zu haben“, sagt Geschäftsführerin Birgit Hannemann. Sie würde die Integrationslotsin gerne besser bezahlen. Die zur Verfügung stehenden Mittel ließen dies jedoch nicht zu.

Unterdessen sorgt der Fall auch innerhalb des Senats für Verstimmungen. Die Ablehnung von Sodhis Aufenthaltsgenehmigung könne „nicht mit dem mangelnden öffentlichen Interesse an der Arbeit der Integrationslotsinnen begründet werden“, ließ Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) über ihren Pressesprecher ausrichten. Ihr lägen die Lotsen „sehr am Herzen“. Die Senatorin will nun „die Ausländerbehörde um Stellungnahme bitten“.

Am Dienstag schaltete sich auch Innensenator Frank Henkel (CDU) ein: Er komme „zu einer abweichenden Einschätzung, was das öffentliche Interesse an der Arbeit von Frau Sodhi betrifft“. Die Ausländerbehörde muss sich nun erneut mit dem Fall befassen. „Es wäre aus meiner Sicht das falsche Signal, wenn der Eindruck erweckt würde, dass Berlin Qualifikation und öffentliches Engagement sanktioniert“, so Henkel.

Ein Rüffel für die Ausländerbehörde, die bisher wenig Verständnis für die Aufregung gezeigt hatte. Zwar wollte sich offiziell auch hier niemand äußern. Hinter vorgehaltener Hand gab ein Mitarbeiter jedoch zu bedenken, dass es stärker im öffentlichen Interesse liege, geltendes Recht durchzusetzen und zu verhindern, dass gut ausgebildete Akademiker im Niedriglohnbereich arbeiten.

Nach jetzigem Stand muss Sodhi Deutschland in gut zwei Wochen verlassen. Bisher hat sie allerdings weder ihre Wohnung gekündigt noch einen Flug gebucht. „Ich hoffe bis zum letzten Tag, dass die Behörde ihre Entscheidung revidiert“, sagte sie.

Nachtrag: Mit erscheinen dieses Artikels bei Spiegel Online am 13.05.2014 bewertete Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) den Fall erneut. Er wies die Ausländerbehörde an, Simran Sodhis Abschiebung zu überdenken. Die Behörde revidierte daraufhin ihre Entscheidung und die Integrationslotsin darf in Berlin bleiben und ihre Arbeit fortsetzen.

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