Geister aus dem Nazi-Ghetto

 

Aus den Zeichnungen, für die Bedřich Fritta sterben musste, kriecht der Tod auf einen zu. Abgemagerte Gestalten, mehr Gespenster als Menschen, stieren dem Betrachter entgegen. Es sind Szenen aus dem NS-Ghetto Theresienstadt. Um Juden logistisch effizient per Güterzug in Vernichtungslager wie Auschwitz zu bringen, hatten es die deutschen Besatzer 1941 nördlich von Prag eingerichtet. Frittas Zeichnungen zeigen eine Welt des Leids, Verzweiflung, aber auch Momente der Menschlichkeit und Wunschbilder für seinen kleinen Sohn.

Von Markus Huth

für die taz und KNA

Dunkelheit herrschte im Keller als wir am Abend das Knarren der Bremsen hörten und gleich darauf das charakteristische Gebrüll der SS, die in den Keller stürmte und uns mit Knüffen und Schlägen in die verdeckten Lastautos hineintrieben. Dort fanden wir unsere Frauen, weinend aber glücklich bei unserem Anblick. Frittas Frau war da mit dem dreijährigen Sohn Tomáš“. So erinnerte sich Frittas Künstlerkollege Leo Haas, der den Krieg überlebte, später an den Abtransport ins Gestapogefängnis in der Festung von Theresienstadt. Kurz zuvor waren die heimlichen Zeichnungen aufgeflogen. Verhört wurde Fritta vom Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, persönlich. Das Urteil: Wegen „Greuelpropaganda“ ins Vernichtungslager nach Auschwitz. Der Künstler und seine Frau fanden bald darauf den Tod. Zwar überdauerten Frittas Bilder, wurden aber bis heute selten im Original ausgestellt. Erst jetzt widmet ihm das Jüdische Museum Berlin erstmals eine umfassende Einzelschau.

"Arbeitsantritt", (Bedrich Fritta, Theresienstadt 1943-44) Dauerleihgabe von Thomas Fritta-Haas an das Jüdische Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

„Arbeitsantritt“, (Bedrich Fritta, Theresienstadt 1943-44) Dauerleihgabe von Thomas Fritta-Haas an das Jüdische Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Dem Museum hatte Frittas Sohn Tomáš, der das Ghetto als Kleinkind überlebte, die über 100 großformatigen Tuschezeichnungen und Skizzen vor rund 10 Jahren als Dauerleihgabe anvertraut. Allerdings zeigte das Haus davon lediglich einige ausgewählte Skizzen in der Dauerausstellung. Das änderte sich erst vor wenigen Wochen, als im April ein neuer Volontär in die Sammlungs-Abteilung wechselte. Denis Grünemeier sichtete Frittas Arbeiten auf der Suche nach einem Thema – und war überrascht: „Sie gehören zu den bemerkenswertesten Beispielen einer eigenständigen und reflektierenden Kunst, die in den Ghettos und Lagern entstand.“ Die großformatigen Tuschezeichnungen wurden restauriert und sind nun Gegenstand der Ausstellung, die der 32 Jahre alte Kunsthistoriker in Zusammenarbeit mit der Leiterin der Sammlungen, Inka Bertz, kuratiert.

Bedřich Fritta, geboren 1906 als Fritz Taussig in Böhmisch Weigsdorf, war noch ein junger Mann, als die SS ihn, seine Frau und den nicht mal einjährigen Sohn 1941 aus Prag ins Ghetto Theresienstadt verschleppte. Schnell erkannte die NS-Kommandantur sein Talent und machte den Mittdreißiger zum Leiter des Zeichenbüros der jüdischen Selbstverwaltung. Der Auftrag: Propaganda-Bilder und Baupläne von Aufbauarbeiten zeichnen, die das Ghetto als reibungslos funtionierende und unter Selbstverwaltung stehende Siedlung präsentierten. Die SS wollte der Weltöffentlichkeit vorgaukeln, dass zwischen den Festungsmauern der alten Garnisionsstadt eine jüdische Mustersiedlung entstünde. Als die dänische Regierung 1943 auf einem Inspektionsbesuch des Internationalen Roten Kreuzes bestand, bevor sie dänische Juden an die Nazis auslieferte, mussten die Ghetto-Bewohner Häuser streichen und neue Geschäfte errichten. Darin ließ die Ghetto-Leitung konfiszierte Habseligkeiten von Neuankömmlingen als Ware auslegen.

Attrappen für’s Rote Kreuz

Doch heimlich hielten Fritta und seine Künstlerkollegen wie der Deutsch-Jude Leo Haas fest, was sie tatsächlich sahen: Hungernde. Todestransporte. Hoffnungslosigkeit. Theresienstadt war entgegen der NS-Propaganda wie andere Ghettos und Lager auch eine Hölle. Ursprünglich angelegt für 7.500 Bewohner kämpften hier bald bis zu 60.000 Juden aus vielen Teilen Europas gleichzeitig ums Überleben. Historiker schätzen, dass zwischen 1941 und 1945 über 150.000 Menschen interniert waren. Den Großteil ermordete die SS in Vernichtungslagern. Viele andere verhungerten im Ghetto oder starben an Krankheit und Gewalt.

"Kulissen für die Internationale Kommission" (Bedrich Fritta, Theresienstadt 1943-44) Dauerleihgabe von Thomas Fritta-Haas an das Jüdische Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

„Kulissen für die Internationale Kommission“ (Bedrich Fritta, Theresienstadt 1943-44) Dauerleihgabe von Thomas Fritta-Haas an das Jüdische Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Frittas Tuschezeichnung „Kulissen für die internationale Kommission“ entlarvt die eilig errichteten Läden und Geschäfte als das, was sie waren: potemkinsche Attrappen. Kulissen, hinter deren Fassade die Gliedmaßen toter Körper hervorragen. Doch dann, im Vordergrund: ein sich küssendes Liebespaar. Zwischen all dem Elend zeigt Fritta immer wieder Momente der Menschlichkeit. So auch Ghetto-Bewohner, die sich eine Varieté-Aufführung von Akrobaten anschauen. Denn in das „Vorzeigeghetto“ Theresienstadt verschleppten die Deutschen zahlreiche jüdische Künstler, die ein vielfältiges Kulturleben aufrechterhielten. „Diese blühende Kultur erweckte den Anschein von Normalität und fügte sich auf paradoxe Weise in die Täuschungsabsichten der SS ein“, sagt Grünemeier.

Denis Grünemeier kuratiert die erste Fritta-Ausstellung in Deutschland (Foto: Markus Huth)

Denis Grünemeier kuratiert die erste Fritta-Ausstellung in Deutschland (Foto: Markus Huth)

In Jeans und dunklem Pullover läuft der Kurator durch die Ausstellungsräume des Jüdischen Museums, wo bald Frittas Zeichnungen hängen werden. Die kalten Betonwände der Architektur von Daniel Libeskind verbreiten Kerkeratmosphäre. Die Darstellung von Leid ist für Grünemeier aber nicht alles. „Uns geht es in erster Linie um Frittas Kunst, die von ungewöhnlich hoher Qualität ist“, sagt er. Zwar zeigten kurz nach dem Krieg Museen in Prag und London Frittas Zeichnungen. Doch bisher wurden diese Arbeiten vor allem als zeithistorische Dokumente über das Lagerleben verstanden. Die Ausstellung in Berlin wolle nun zur Werschätzung der Bilder als Kunstwerke beitragen, ohne den historischen Kontext ihrer Entstehung auszublenden. Aber was macht Frittas Kunst so besonders?

Kindergeburtstag in der Hölle

Porträt von Frittas Sohn Tomáš als Kind (Leo Haas) Copyright: Thomas Fritta-Haas, Foto: Gedenkstätte Theresienstadt

Porträt von Frittas Sohn Tomáš als Kind (Leo Haas) Copyright: Thomas Fritta-Haas, Foto: Gedenkstätte Theresienstadt

Eine Frage habe ihn als Kurator umgetrieben, sagt Grünemeier. Worauf griff der Künstler zurück, um die visuelle Sprache für das unbeschreibliche Schrecken zu finden? Die Antwort: „Fritta nutzte Stilmittel der Karikatur, des Expressionismus und des Symbolismus, um die groteske Scheinwirklichkeit einer angeblichen jüdischen Mustersiedlung in aller Schärfe bloß zu stellen.“ Statt als Mustersiedlung zeigt Fritta das Ghetto als Triumph des Todes. Schlaglichter und Schatten setzen filmartig die gespensterhaften Gestalten in Szene. Kein anderer Künstler, glaubt der Kurator, brachte einen derart intensiven künstlerischen Willen mitten im Grauen des Ghettos zum Ausdruck.

Diesen Willen bezahlte Fritta schließlich mit dem Leben. Er und seine Kollegen wussten, dass die SS sie umbringen würde, sollte ihre heimliche Kunst entdeckt werden. Doch die Künstler schafften es sogar, einige Zeichnungen über Mittelsmänner aus dem Ghetto zu schmuggeln. Als die Nationalsozialisten diese 1944 im Ausland entdeckten, war alles aus. Kurz bevor die SS-Männer Fritta aus dem Keller in den Lastwagen zerrten, konnte er seine Bilder noch im Hof  vergraben, wo sie den Krieg überdauerten und schließlich in den Besitz eines Prager Museums und später seines Sohns gelangten. Darunter auch das Bilderbuch „Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt“. Darin zeichnete der Vater ausnahmsweise nicht das Grauen, sondern Wunschbilder eines fröhlichen Fests. Mit Kuchen, Geschenken und Blumen. So sollte sein kleiner Sohn eine Welt ohne das Ghetto kennenlernen.

Tommy sah diese andere Welt tatsächlich. Nach dem Krieg adoptierte ihn Frittas Künstlerkollege Leo Haas. Tomáš Fritta-Haas wurde Bibliothekar in Mannheim, wo der 72-Jährige noch heute lebt. Bei den Vorbereitungen der Ausstellung besuchte Kurator Grünemeier ihn in seiner Wohnung, um das Bilderbuch für die Ausstellung in Empfang zu nehmen. So viele Menschen wie möglich sollen die Zeichnungen seines Vaters sehen, habe er gesagt und seine Augen hätten geleuchtet wie die eines Kindes.

Ausstellung vom 17. Mai bis 25. August 2013 im Jüdischen Museum Berlin, Eric F. Ross Galerie

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