Der Raketen-Kapitän

 

Elmar Mühlebach kennt sich als Seemann mit gefährlichen Situationen aus. Er sah im stürmischen Atlantik eine Skipperin sterben und zuletzt waren schwer bewaffnete Sicherheitskräfte zum Schutz vor Piraten auf seinem Schiff. Dabei ist es sein Job, für Entspannung zu sorgen. Denn der 44-Jährige ist der neue Chef-Kapitän der „Deutschland“, dem aus der ZDF-Reihe bekannten „Traumschiff“.

Von Markus Huth
für die Deutsche Presse-Agentur dpa

Es ist ein Morgen wenige Tage vor dem Hamburger Hafengeburtstag, an dem das gut 175 Meter lange Kreuzfahrtschiff zum ersten Mal in diesem Jahr im Hafen der Hansestadt festmacht. Die „Deutschland“ gehört zu den rund 300 Wasserfahrzeugen, die sich beim größten Hafenfest der Welt vom 9. bis 12. Mai zeigen. Mühlebach steht in Uniform auf der Brücke, die vier gelben Streifen auf der Schulter weisen ihn als Kapitän aus. Auch diese Situation ist für ihn nicht zum Entspannen – denn die Presse ist da. Und Mühlebach muss aufpassen, was er sagt. Der Grund dafür hängt damit zusammen, wie er im Herbst seinen Job bekam.

„Die erstbeste Option, Kapitän zu werden, ist, wenn die Reederei ein neues Schiff kauft“, sagt er. „Die zweitbeste, wenn ein anderer in den Ruhestand geht. Für mich gab es leider nur die drittbeste.“ Er folgte auf seinen alten Chef, Andreas Jungblut, der von der Reederei Deilmann wegen Illoyalität entlassen wurde. Jungblut hatte die Geschäftsführung öffentlich kritisiert, weil sie die „Deutschland“ aus Kostengründen unter maltesischer Flagge fahren lassen wollte. Nach Protesten in den Medien bleibt die „Deutschland“ zwar deutsch. Doch Jungblut bleibt geschasst und kämpft vor Gericht um jenen Job, den Mühlebach jetzt hat.

Die Situation, sagt Mühlebach, sei auch für ihn nicht einfach, schließlich waren sie viele Jahre lang Kollegen. Dass er heute Kapitän von Deutschlands Erholungs-Flaggschiff ist, verdankt Mühlebach aber nicht nur Jungbluts Entlassung, sondern auch den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs. Denn nur wegen des Zwei-Plus-Vier-Vertrags, der 1990 vorsah, dass die Bundeswehr nach der deutschen Wiedervereinigung kräftig abrüstete, durfte Mühlebach damals den Dienst als Offizier bei der Marine quittieren.

Zunächst heuerte der studierte Raketenwissenschaftler beim Forschungsschiff Gauss des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie an. Seine Aufgabe: Den Meeresboden vermessen, um Seekarten zu erstellen. Der freundliche Mann mit den hellen Augen hinter den Brillengläsern wird nun ernst. Denn hier geschah, was er nicht vergessen kann: Bei einer Rettungsaktion 1994 im Atlantik vor Brest, musste er machtlos zusehen, wie die Skipperin einer Regatta-Yacht ins eiskalte Wasser stürzte und nur noch tot geborgen werden konnte. „Letztlich ist es Aufgabe eines Kapitäns, die Rettungsaktion zu leiten – bis zum Schluss“, sagt er.

Piratengefahr entschärft

Derart brenzlige Situationen hat er mit der „Deutschland“, auf der er vor sieben Jahren als Staff-Kapitän anheuerte, aber noch nicht erlebt. Die Piraten-Gefahr vor dem Horn von Afrika, sagt er, habe sich dank der Atalanta-Mission der EU etwas entschärft. Trotzdem sind immer schwer bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord, wenn die „Deutschland“ wie zuletzt im März dort vorbeifährt. „Die sind ganz unauffällig, die Passagiere bekommen die gar nicht zu sehen“, sagt Mühlebach und lacht. Der Kapitän kennt das Kreuzfahrtgeschäft: Auf dem schwimmenden Fünf-Sterne-Hotel mit seiner luxuriösen Inneneinrichtung muss neben der Sicherheit auch die Zufriedenheit der bis zu 400 Passagiere an oberster Stelle stehen.

Und diese Zufriedenheit zahlt sich aus. Im vergangenen Jahr machte die deutsche Kreuzfahrt-Branche laut dem Deutschen Reiseverband erstmals einen Umsatz von über drei Milliarden Euro und beförderte fast zwei Millionen Passagiere. „Die Kreuzfahrt hat sich von der Havarie der „Costa Concordia“ erholt“, sagt auch Christof Lauer vom Verband Deutscher Reeder. Wohin die „Deutschland“ in der Saison 2014/15 fährt, stellt die Reederei an diesem Mittwoch in Hamburg vor.

Kapitän Mühlebach aber freut sich erst einmal auf seinen eigenen Urlaub, den er in seiner Heimatstadt Karlsruhe mit Frau und Tochter verbringen will. Erst im Sommer muss er wieder auf die Brücke, wenn es nach Norwegen geht. Solange führt der andere Chef-Kapitän, Andreas Greulich, das weiße „Traumschiff“. Nur eine Aufgabe wartet vor seinem Urlaub noch auf Mühlebach: Die Hamburger beim Hafengeburtstag persönlich auf seinem Schiff zu begrüßen.

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